Inklusives Tanzprojekt von Albatros- und Gesamtschule Rosenhöhe verleiht Flügel

VON SIBYLLE KEMNA

Brackwede/Senne. Der Proberaum der Tanzschule DansArt. 14 Jugendliche, klein und groß, mit Körperbehinderung oder ohne, haben rot-weiße Absperrbänder in den Händen oder um die Füße oder den Rollstuhl gebunden. Je zwei Schüler, ein "behinderter" und ein "normaler", sind so aneinander "gefesselt". Sie erarbeiten in dieser Konstellation eine Bewegungsimprovisation.

Das inklusives Tanzprojekt wird in dieser Woche von je sieben Schülern der Albatrosschule Senne, die den Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung hat, sowie der Gesamtschule Rosenhöhe, die seit diesem Schuljahr in den inklusiven Unterricht gestartet ist, realisiert.

 Ein Stück weit über sich hinauswachsen

Die 14-jährige Sanja dreht sich im Kreis um die 15-jährige Josephine, die im Rollstuhl sitzt und sich im Anschluss daran mit drehenden Rollstuhlbewegungen "befreit". "Ihr müsst auf der Linie bleiben", ermahnt Gerda König die beiden Mädchen. Sie ist Choreographin, sitzt seit ihrer Kindheit im Rollstuhl und arbeitet in ihrem Kölner Tanzensemble mit behinderten und nicht-behinderten Tänzern.

Die zierliche Frau, die unter fortlaufendem Muskelschwund leidet, hat den Blick für das Detail und vermittelt den Schülern einfühlsam und doch energisch das Gefühl, dass sie ihre Improvisationen ernst nehmen und daran arbeiten sollen. "Es geht darum, unterschiedliche Körperlichkeiten zu erleben und in einem neuen Licht zu sehen", erklärt sie.

Im Gegensatz zu konformen Aufführungen, bei denen alle möglichst gleich agieren sollen, spielt beim "Mixed-Abled-Dance", dem Tanz von Behinderten und Nichtbehinderten, die Individualität von Bewegungen eine große Rolle. "Unser Körper setzt uns unterschiedliche Grenzen, daher die Idee mit den Begrenzungsbändern", erklärt die 47-Jährige.

Bereits zum zweiten Mal nach 2011 macht die Albatrosschule mit Gerda König ein solches Tanzprojekt, zum ersten Mal ist die Gesamtschule Rosenhöhe ihr Kooperationspartner.

"Das begrüßen wir sehr, weil wir uns von dem Kontakt der Schüler untereinander auch weitere Effekte erhoffen", sagt Nicole Borgmann, Lehrerin der Albatrosschule. Denn so ganz nebenbei werden Vorurteile abgebaut. "Berührungsängste lösen sich über das gemeinsame Tun auf, Barrieren fallen", berichtet Borgmann.

Die Schüler merken untereinander, dass jeder andere Talente hat, so kann der körperlich gehandicapte Daniel sehr gut erzählen und in Worte fassen, was so bereichernd ist an diesem Projekt.

"Man kommt mal mit anderen Schülern zusammen, die einen sonst nicht wahrnehmen würden und arbeitet intensiv mit ihnen, das ist eine einmalige Gelegenheit." Enes (15), der im Rollstuhl sitzt, freut sich, in einen Tanz einbezogen und aktiv mitwirken zu können. "An Tanz hab ich mich bisher nicht herangewagt".

Hier kann er ein Stück weit über sich hinauswachsen. So gesehen verleiht das Projekt Flügel und gibt jedem Schüler etwas Wertvolles mit auf seinem Lebensweg.


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01 - Bielefeld West, Freitag 06. Dezember 2013

Schule ohne Rassismus